Meine Geschichte

Es begann alles mit einem Telefonanruf an einem gewöhnlichen, frühen Samstag-Morgen. Die Vibration meines Handys des ersten Anrufes hat mich leicht geweckt, realisiert dass dies ein Anruf war habe ich noch nicht. Wenige Minuten später der zweite Anruf den ich dann entgegengenommen habe. Es war mein Bruder, der mir mitteilte, dass unsere Mutter nicht mehr ansprechbar mit hohem Fieber aufgefunden worden ist in ihrem Krankenbett. Der verpasste, erste Anruf war von meiner Tante, die von dem zuständigen Pflegepersonal informiert wurde. Ich habe Sie zurückgerufen und konnte die Tränen in ihren Augen regelrecht spüren, nach einem kurzen Gespräch habe ich mein Telefon beiseitegelegt und versucht mich zu sammeln. Ich stand unter die Dusche, konnte kaum atmen und die Tränen schossen aus meinen Augen. Es fiel mir sehr schwierig die Fassung zu bewahren und stark zu bleiben. Mir wurde schwindlig, obwohl mir sehr genau bewusst war, dass dieser Moment unausweichlich kommen würde, merkte ich paukenschlagartig, dass ich überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen war.. 
Ihre ganze Leidensgeschichte spielte sich vor meinem geistigen Auge ab, ihre unzähligen Arztbesuche, die Therapien, das letzte Jahr, welches sie in ein Pflegeheim verbringen musste. Circa 2 Jahre sind vergangen seit ihrer Diagnose, von diesem Zeitpunkt verschlechterte sich ihr Zustand immer und immer wieder. Diese 2 Jahre fühlen sich nun an wie Sekunden, wie ein Atemzug und wir sind an diesem Moment angelangt, den sich niemand getraut vorzustellen. Die Kilometer die wir gefahren sind, die vielen Stunden Kartenspiel und die vielen Biere, die wir zusammen getrunken haben, scheinen innert Sekunden vergangen zu sein. Was uns blieb war der Trost, dass ihr Leidensweg ein Ende nehmen könnte. Dies war aber zu diesem Moment noch lange nicht klar. Wir standen alle im ungewissen, im ungewissen war mit ihr passiert, wie sie sich fühlt oder was noch passieren kann. 
Als ich das Zimmer betrat und meine Mutter zum ersten Mal so gesehen habe, wusste ich nicht ob ich weinen, schreien oder weglaufen sollte. Sie konnte kaum atmen, ihr Mund war geöffnet und ein lautes seufzen war ständig zu hören. Jeder Atemzug konnte der letzte sein, so zumindest hat es sich für mich angefühlt. So hart wie es klingt, aber ich habe es mir fast für sie gewünscht, sie so zu sehen war nicht einfach zu ertragen. Was sage ich nicht einfach, es war der schwerste Moment in meinem bisherigen Leben, ich fühlte mich so hilflos uns unnütz. Wir konnten ihr nicht helfen, nur da sein und ihr ein Gefühl von Nähe vermitteln. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns gespürt hat und dass sie froh war nicht allein zu sein. 
Doch was nun? Entscheidet sie ob sie gehen darf oder nicht? Halten wir sie nur vom sterben ab mit unserer blossen Anwesenheit? Wäre es besser für einen sterbenden Menschen los zu lassen, wenn er allein ist? Hatte sie die Macht zu entscheiden wann der Zeitpunkt richtig war? Hat sie uns gespürt obwohl sie uns keine Antwort geben konnte? War sie im ungewissen, was sie auf der anderen Seite erwarten würde und ist deshalb noch leidend bei uns geblieben? Wollte sie einfach nicht loslassen, da sie nicht wusste ob sie uns je wieder einmal sehen würde? Was passiert in diesem Moment mit einem Menschen und wie trifft er seine Entscheidungen?  Welche Grundlagen hat man in diesem Moment? Kann er selbst entscheiden? Konnte sie selbst entscheiden?  
Alles Fragen die mich beschäftigten in diesem Moment. Als der Moment kam und sie ihren letzten Atemzug genommen hatte, waren mein Bruder, meine Cousine und ich nicht im Zimmer. Meine Tante war als einzige bei ihr als sie ihren Körper verlassen hat. Hat sie bewusst diesen Moment ausgesucht um loszulassen?  
Wir haben uns die Zeit genommen um uns von ihrem leblosen Körper zu verabschieden, jeder auf seine eigene Art und Weise. Richtig und Falsch existiert in diesem Moment nicht.